Alte und neue Wege gehen

Ich habe das seltene Glück, jeden Morgen in wenigen Minuten auf einen Berg steigen zu können, weil es in meiner Straße einen großen Wasser­behälter gibt. Der ist nicht mal zehn Meter höher, aber das genügt für den Blick über den ganzen Ober- und Untersee. Der Hügel ist begrünt, und er wird extensiv gepflegt, d. h. nur zweimal im Jahr gemäht. Nach dem Mähen sind die Pfade nicht mehr sichtbar und müssen neu angelegt werden. Nicht vom Grünflächenamt, sondern von den Leuten, die auf den Berg gehen – so wie ich.

In dem Haus, in dem ich wohne, war von den späten 70er Jahren bis 2007 ein Verlag, der vor allem die Bücher des Meditationslehrers Werner Sprenger veröffentlicht hat. Auf einem der Bücher steht auf dem Cover: „Wege entste­hen, indem wir sie gehen …“ Früher, als es noch keine geplanten Straßen gab, sind alle Wege so entstan­den. Heute klingt er wie eine Binsenweisheit, aber wenn er von Franz Kafka ist, denkt man mehr darüber nach. Wahrscheinlich ist er aber schon von Konfuzius. Auf so einer Wiese wie auf meinem „Hausberg“ versteht man ihn ganz wörtlich, aber er hat natürlich auch eine andere Ebene, im übertragenen Sinn kann man ihn auf die verschiedensten Kontexte anwen­den: ein Neuanfang in einem fremden Land, ein neuer Beruf …

Eines der BĂĽcher des Verlags hatte den Titel Zu Oasen fĂĽhren alle Wege durch die WĂĽste, eine Sammlung von Aphorismen. Auch diesen Satz kann man als ganz triviale Feststellung ansehen, und wer – wie ich in meinen Studienzeiten in Algerien – schon mal in einer WĂĽste war, hat eine Vorstellung davon, was die Oasen fĂĽr die WĂĽsten­bewohner bedeuten – und die Wege dorthin. Auch hier gibt es eine FĂĽlle von Möglich­keiten, den Satz in einem ĂĽbertra­genen Sinn zu verstehen. Fast jeder kennt „Durst­strecken“ auf dem Lebensweg, im Privatleben oder bei schwierigen Projekten  …

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Einen Weg zum ersten Mal gehen ist immer eine sinnliche und ganzheitliche Erfahrung, egal ob es durch eine Wiesen­landschaft, einen Mischwald oder durch eine Hochgebirgslandschaft geht. Die fast gegensätzliche Erfah­rung ist, einen bekannten Weg regelmäßig zu gehen – und dabei immer wieder noch neue Details zu entdecken, die bisher noch nie wahrgenommen wurden. Das erlebe ich natürlich in der Natur, auch im Lorettowald, durch den ich regel­mäßig zum Schwimmen fahre – und ich entdecke immer noch Neues wie einen vor langer Zeit gefällten Baum, der inzwischen völlig mit Moos überwachsen ist. Genauso auch in der Stadt: hundertmal an einem mittelalter­lichen Haus in der Altstadt vorbei­gegangen und auf einmal den Kopf entdeckt, der zwischen dem dritten und vierten Stock die Fassade verziert.

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Von Thomas Widmer, der als „Schweizer Wanderpapst“ gilt, ist 2016 ein kleiner Führer erschienen, der mit seinem Titel auf eine andere Art hinweist, wie man die Orte wahrnehmen kann, vielleicht sollte:
„Schweizer Wunder. Aus­flugs­führer zu kuriosen und staunenswerten Dingen“ –
Gehen Sie hinaus und wundern Sie sich!

Dieser Artikel ist ein um etwa die Hälfte gekürzter Text, die Langversion verschicke ich gerne auf Anfrage per Mail.

Weitere im Text erwähnte Bücher:
Otl Aicher: Gehen in der WĂĽste
Hans-Wilhelm Smolik: Rauschebart und Knorzel und Wandern mit offenen Augen
Die WĂĽste lebt (zum Walt Disney-Film)
Werner Bätzing: Grande Traversata delle Alpi

und darĂĽber hinaus:
Christian Sauer: DrauĂźen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur (Verlag Hermann Schmidt, 2019)

Ein Kommentar:

  1. Karen Epding Zawatzky

    Lieber Patrick,
    Guten Morgen und danke fĂĽr den Text zur Tagesbeginn.
    Alte und neue Wege, wie passend! Sehr gerne wurde den ganzen Artikel lesen.
    Ich freue mich!
    Vielen lieben Dank!
    Herzliche GrĂĽĂźe
    Karen

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