Bin ich in den letzten Wochen zu lange in Kaffeehäusern gesessen, um den „monatlichen“ Blogartikel zu schreiben? Das ist möglich, aber es ist nicht der einzige Grund …
In die Kaffeehäuser gehen Leute, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. So hat es der Wiener Schriftsteller Alfred Polgar erklärt, der in meinem Geburtsjahr gestorben ist, es beschreibt also schon einen historischen Zustand. Es ist eine der frühesten Ansichten, die ich über Kaffeehäuser gelesen habe, zitiert von Hans Georg Behr in seinem provokanten Buch Die österreichische Provokation (1973, darin das Austrographische Lexikon), das ich wohl in den 80er Jahren gekauft habe.
In meinen Studienzeiten war ich ein Schuljahr lang als Sprachassistent (kein Vorgänger von Siri oder Alexa!) in Südfrankreich und habe dabei die französische Café-Kultur erst richtig kennengelernt. Dort, in den „Café-Bars“ der Kleinstadt sitzen an den Markttagen die Händler, wenn sie genug verkauft haben, und die Lehrer gehen in der Mittagspause zusammen ins Café. Da will niemand in Gesellschaft alleine sein, das könnte höchstens auf Pariser Cafés im Quartier Latin zutreffen.
Jahrelang habe ich Cafés nur besucht, um mich mit anderen Leuten zu treffen, beruflich oder privat, alles andere war für mich schon unnötiger Luxus. Erst nachdem ich eine weitere Definition des Wiener Kaffeehaus-Besuchs kennengelernt habe, konnte ich es mir auch zur Gewohnheit machen: Im Kaffeehaus zahlt man nicht für den Kaffee, sondern für die Zeit, die man dort verbringt: zum Lesen, Schreiben oder Nachdenken – in Gesellschaft von Leuten, die ähnliche Motive haben.
Weil zu einem typisch österreichischen oder Wiener Café eine große Auswahl an Zeitungen und oft auch noch eine kleine Bibliothek gehört, habe ich irgendwann angefangen, auch hier am Bodensee nach solchen Cafés zu schauen, die noch einen „nicht-gastronomischen Mehrwert haben.
Daraus ist dann meine Kaffeehäuser-Reportage entstanden, die in der Seezunge 2012 erschienen ist, mit ein paar besonderen Beispielen: das von einer Italienerin geführte „Café di Coppola“ mit seiner großen Zeitungsauswahl in Markdorf (leider ein paar Jahre später aufgeben), das „Kaffeehaus“ in St. Gallen (mit regelmäßigen Kultur- und Tanzveranstaltungen), das „Coalmine“ in Winterthur, das sich im früheren Kohlenkeller eines Großhandelshauses befindet und eine riesige Bücherwand mit tausenden von Suhrkamp-Büchern hat, weil der Besitzer des Gebäudes von 1950 bis 2006 Teilhaber des Verlags war.
Nach einer langen Test-Reihe rund um den Bodensee hatte ich dann auch meine Kriterien, die über guten Cappuccino und Kuchen hinausgehen: ein Muster oder Bildchen auf dem Milchschaum und vielleicht ein Keks dazu, eine Pächterin/Wirtin, die durch ihre Art Atmosphäre schafft (und das übrige Personal auch entsprechend), ein Name, der vielleicht eine Geschichte erzählt etc. Da gibt es hier einige, die (fast) alle Kriterien locker erfüllen.
Ja, ich schaue auch auf das Preis-Leistungs-Verhältnis, und auch in der Schweiz komme ich in den meisten Städten unter 5 Franken zu meinem Cappuccino, bei Bahnhöfen finde ich das oft erst „hinter“ dem Bahnhof. Gerade unter diesem Aspekt gehe ich aber auch in Basel oder Zürich schon mal in ein Café Sprüngli oder in Wien ins Café Landtmann und zahle dann gerne die 7 oder 8 Franken. Das ist „Erlebnisgastronomie“, ohne dass es auf dem Schild steht: die Geschichte und das Ambiente, das Personal und – vor allem – die Gäste! Insofern ist auch das seinen Preis wert. Wenn ich Romane schreiben würde, wären solche Lokale für mich sicher die inspirierenden Orte.
Seit einigen Jahren mache ich oft „kleine Fluchten“, das sind Halb- oder Ganztagsausflüge (mit dem Deutschlandticket!) in den Mittleren Schwarzwald oder an den Hochrhein, um im Zug etwas zu lesen – und in einer anderen Stadt in einem Café weiterzulesen. Dabei habe ich in den letzten Jahren einige entdeckt, die eine Empfehlung wert sind, aber das „steht auf einem anderen Blatt“. (verschicke ich auf Anfrage)

Kaffeehaus, St. Gallen (2011)

Caffè di Coppola, Markdorf (2011)

CoalMine, Winterthur (2011)

Cafè ex Machina, Nyon / Genfer See (Okt. 2025)