Für das Künstlergespräch im Rahmen der Fotoausstellung in der Volkshochschule Anfang Dezember habe ich zusammengestellt, wann ich früher schon Ausstellungen hatte und zu welchen Themen ich Diavorträge gehalten habe. Danach bin ich noch weiter zurückgegangen in meiner Foto-Biografie: Woher kommt mein Interesse daran, was waren die ersten Erfahrungen, die ersten Themen, wann habe ich mit welchen Kameras fotografiert etc. Und Fotografieren vom Hobby zum Beruf?
Mein Vater hat schon früh bei Familienfotos nicht nur die Sonntagsausflüge und -spaziergänge abgebildet, sondern auch kuriose Situationen des Familienlebens, für die ich schon als Kleinkind die Gelegenheit gegeben habe: Ich mit den Füßen im Nachttopf, ich auf dem Kinderhochstuhl stehend …
Von diesem fotoaffinen Haushalt habe ich einige Fotobücher geerbt, die mich nicht direkt inspiriert haben, aber sie haben mir gezeigt, was gute Fotografie ist, z.B. die „Rheinlandschaften. Photographien 1929 – 1946“ von August Sander und der Katalog der internationalen Ausstellung „The Family of Man“ (1955). Von meinem Vater habe ich wohl auch die erste eigene Kamera bekommen, seine alte Dacora – eine Marke, die heute kaum mehr jemand kennt. (…)
Von den späten 70er Jahren bis in die 90er hatte ich zwei große Foto-Themen, zu denen ich in dieser Zeit auch Diavorträge gehalten habe: Graffiti und Kriegerdenkmäler.
Gute, inhaltlich und sprachlich originelle Graffiti habe ich zuerst in Südfrankreich entdeckt: z.B. in der Kleinstadt La Ciotat bei Marseille: Slogans vom Mai 68 und spätere im ähnlichen Stil: „Individu reste-le!“ (‚Individuum, bleib es!‘) – mit einem älteren Mann im dunklen Mantel, der gerade ins Bild mit den zwei gleichen Citroen GS gekommen ist … ##
Auch bei den Kriegerdenkmälern war es Frankreich, wo ich die ersten Beispiele gefunden habe, bei denen die Denkmäler von der Gestaltung oder der inhaltlichen Aussage her (im Idealfall beides!) aus dem Rahmen fallen, wie das in Lodève mit den vier lebensgroßen um einen Soldaten trauernden Frauen – in der Mode, die 1927 gerade in Paris der „letzte Schrei“ war. ##
Im Frühjahr 1979, während meines Schuljahrs als Sprachassistent in Südfrankreich, konnte ich an einer Fotoausstellung teilnehmen, mit Fotos vom Wochenmarkt, wobei ich die Markthändler meistens beim Auf- und Zusammenräumen am Ende des Markttags fotografiert habe. Im Winter davor habe ich auch gerne die Landschaften der kahlen Weinfelder (zu flach für „Weinberge“) fotografiert, die sich besonders für Schwarz-weiß-Bilder geeignet haben.
Die erste eigene Fotoausstellung hatte ich nach weiteren Jahren der Jagd auf gute Graffiti (in Konstanz, Zürich, Frankfurt und anderswo) Anfang 1983 in der Genossenschaftsbeiz Löwen in Sommeri (im östlichen Thurgau), mit einer Vernissage mit Diavortrag in ihrem Veranstaltungssaal „Löwenarena“, unter dem Titel „Graffiti – Bilder von den Wörtern an der Wand“. ## (…)
Die erste größere Reise, auf der ich viel fotografieren wollte und beim Gepäck sparsam sein musste, war im März 1980 nach Algerien. Im Hinblick darauf habe ich eine Minox 35 GL gekauft, die in die Jacken- und sogar Hosentasche ging, und bin mit drei Diafilmen für fünf Wochen losgefahren.
Ähnlich war der Filmvorrat bei meinen Weitwanderungen in den italienischen Westalpen, im Sommer 1988 und 1989 jeweils eine Woche auf der Grande Traversata delle Alpi. Darüber konnte ich dann an einem Sektionsabend des DAV einen Diavortrag halten, der schon dadurch aus dem (damaligen) Rahmen gefallen ist, dass ich auch die Kulturen der piemontesischen Alpentäler gezeigt habe – für die meisten Mitglieder waren die Alpen unterhalb der Vegetationsgrenze nur für den Zugang interessant.
Wie meine Fotos in die (Bodensee-)Bücher gekommen sind, ist eine lange Geschichte: Die ersten waren im Polyglott, der erst 1995 von den früheren Federzeichnungen auf Farbfotos umgestellt worden waren. Von dem Diakoffer, mit dem ich zum Verlag nach München gefahren bin, haben sie gerade fünf genommen. Von da ging es langsam aufwärts bis zum letzten Buch, bei dem der Verlag (bzw. die Buchgestalter) noch auf Dias bestanden hat: das „Bodensee ABC“ (2007). Ab 2008 war dann die erste kleine Digitalkamera im Einsatz, zuerst bei den Fotos für „Hits für Kids am Bodensee“ (2010). Im selben Jahr ist auch der „Schwabenführer“ erschienen („Bodensee genial günstig“), bei dem ich im Verlag mit einem Halbprofi konkurrieren musste, aber die meisten Themen konnte nur ich illustrieren.
Nachdem ich früher immer auf Fotos zurückgegriffen habe, die ich bei Ausflügen schon gemacht hatte, änderte sich mein Vorgehen mit der Zeit: Für das Buch über die „wichtigsten Berge Baden-Württemberg“ (2012 unter dem Titel „Gipfelglück“ erschienen) habe ich gut geplante Fotoexpeditionen gemacht, die meisten mit Zug und Fahrrad. Dabei gab es immer wieder überraschende Möglichkeiten, aber auch kleine Pannen, etwa wenn die Nebelgrenze für den 985 Meter hohen Dreifaltigkeitsberg auf etwa 900 Meter vorhergesagt, in der Realität aber gut 100 Meter höher war!
Auch für die „101 Orte am Bodensee“ habe ich einige Expeditionen gemacht, wie die an einem schönen Januarsonntag (!) nach Wangen und durch das Tal der Oberen Argen bis zum Eistobel, wieder mit Zug und Fahrrad! ##
In dem Portrait über mich im Seemoz Ende Oktober 2025 hat Albert Kümmel-Schnur geschrieben: „Brauns zeigt selten leere Landschaften. Kulturlandschaften haben es ihm angetan: irgendein Bezug zu menschlicher Tätigkeit ist immer zu sehen (…). Im Schnee genügen hin und wieder auch die Spuren von Füßen, die hier gewandert sind.“ ## Das war gut beobachtet, weil ich auch bei Stadt-Landschaften wie bei Architekturobjekten immer schaue, dass die Bilder durch (unfreiwillige) „Statisten“ belebt werden.
Auch bei meinen gastronomischen Artikeln und Restauranttests habe ich nie leere Gaststuben oder Terrassen fotografiert – mit der richtigen Distanz und dem passenden Blickwinkel geht das gut, ohne Probleme mit Datenschutz oder Persönlichkeitsrechten zu bekommen. Ein paar Grenzfälle beim „Leute fotografieren“ sind/waren auch in der Ausstellung in der VHS zu sehen. z.B. die Kinder im Dorfbrunnen von Neuwilen auf dem Thurgauer Seerücken, wie man sie noch in den 90er Jahren sehen konnte. ##
Durch die Rückmeldungen von Verlagen (Lektoraten) und Zeitschriftenredaktionen habe ich in den letzten 30 Jahren viel gelernt, und mit der Zeit sind dann auch für einzelne Bilder Komplimente von Profifotografen gekommen – das ist dann immer eine schöne Bestätigung.
Bei den früheren Diavorträgen und späteren Projektionen bei Vorträgen sind auch die Reaktionen direkter als bei den Ausstellungen, wo die Komplimente meistens nur am Anfang und Ende kommen, bei Vernissagen und Finissagen.
Ich sollte die „Diavorträge“ wiederaufnehmen.
(Der Text ist an den entsprechend markierten Stellen (…) leicht gekürzt.)

Die zwei erwähnten Kameras

„Individuum, bleib es!“ (La Ciotat, 5/1978)

Das Kriegerdenkmal von Lodève mit den Frauen im Pariser Chic der 20er

Löwen, Sommeri (TG), Januar 1983

Denkmal für die Bergbäuerinnen in Druogno, Val Vigezzo, nördl. Piemont

An einem schönen Wintertag durch das württembergische Allgäu

Spuren von beschuhten Füßen an einem Neujahrstag auf der Hochalp

junge „Statistinnen“ auf dem Schaffhauser Herrenacker
Weitere Fotos kommen eventuell noch!