Linguistik revisited

Die Trauerfeier für einen kürzlich verstorbenen Professor der Sprachwissenschaften, hat bei mir Erinnerungen an meine linguistischen Studien geweckt.
Urs Egli war Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft, ich habe im selben Fachbereich Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt auf romanische Sprachen studiert, sodass seine Seminare nicht zum Pflichtprogramm gehörten. Er war aber mit seiner schweizerischen Bedächtigkeit und Gründlichkeit immer präsent, als lebhaften Vortragenden habe ich ihn dann erst viel später kennengelernt und zuletzt noch im April erlebt.
Egli hatte als Schüler über das Latein das Interesse an der Sprachwissenschaft gefunden, ich über sprachliche Alltagsphänomene und die lebenden romanischen Sprachen.
Egli hat die reine Linguistik vertreten, mit ihren Kerngebieten Grammatik, Semantik, Phonologie etc. – mich haben mehr die Randgebiete interessiert, vor allem die Soziolinguistik, mit Themen wie das Aussterben oder Überleben von Sprachen. Ich habe sogar die ganze Sprachwissenschaft als Teil der Sozialwissenschaften verstanden.
Egli hat seine Dissertation über ein Thema geschrieben, über das es fast keine Originalquellen gab (die „stoische Dialektik“), bei meiner hatte ich eine kaum überschaubare Menge von aktuellen Quellen, dazu die Informanten aus den politischen Milieus.
Größer hätten die Unterschiede kaum sein können, gemeinsam hatten wir auf jeden Fall die Neugier auf neue Erkenntnisse, die thematische Schnittmenge war die Semantik, also die Bedeutung der Wörter (bei mir im aktuellen politischen Kontext).


im Vordergrund rechts, unter den roten Dächern: der FB Sprachwissenschaft

 

Manche Trauergäste haben durch ihre Anwesenheit (physisch oder mental) in meiner Erinnerung kleine Schlaglichter auf meine Studienthemen und -projekte  geworfen:
– der Professor, bei dem ich eine Einführung in die Phonologie hatte, in der wir unter anderem die schon vor hundert Jahren erforschte Mundart des Kerenzer Bergs (südwestlich des Walensees) studiert haben, ich durfte den aus dem Thurgau stammenden persönlichen Referenten des Rektors interviewen und seine Mundart dann transskribieren – dabei ging es auch um die Beggeli-Grenze, die den Thurgau von Kreuzlingen aus nach Süden in zwei Hälften teilt
– der italienische Professor, bei dem ich diverse Seminare über Soziolinguistik und Bilingualismus besucht habe, mit Referaten über die sprachenpolitische Lage in Algerien (nach meiner privaten Studienreise durch Algerien, zwischen dem 5. und 6. Semester) u.a.
– mein Doktorvater, der in seinen Lehrveranstaltungen weit über die romanistische Sprachwissenschaft hinausgegangen ist: z.B. ein Seminar Bretonisch, um eine nicht-romanische Sprache kennenzulernen, die sich aber seit Jahrhunderten im Kontakt mit dem Französischen entwickelt, und eine AG Lyrik, bei der mit linguistischem Hintergrund französische Gedichte und italienische Liedermacher-Texte gelesen und interpretiert wurden

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